Anna-Konstanze Schröder: Rasmus – (k)ein Meeresgott der südlichen Ostsee?

Seit der Zeit der großen Segelschiffe hört man an Bord von dem „Schluck für Rasmus“ bei Flaute oder ein Gespräch mit Rasmus, dass es mit dem gefährlichen Wellengang nun genug sei. Wer oder was ist dieser Rasmus? Diese Frage standen im Zentrum des Vortrags von Dr. Anna-Konstanze Schröder bei der Greifswalder Schiffergilde am 7. Mai 2015.

Die Invercauld in schwerer See (1891)

Das Pommersche und das Mecklenburgische Wörterbuch beschreiben Rasmus widersprüchlich als Personifikation der stürmischen See und als ursprünglich der christliche Heilige Erasmus. Zudem zeichnen die Aussagen der Mecklenburgischen Segelschipper um 1900 ein differenzierteres Bild. Sie wurden vom Volkskundler Richard Wossidlo zwischen 1884 und 1939 gesammelt und im Buch „Reise, Quartier, in Gottesnaam! Das Seemannsleben auf alten Segelschiffen im Munde alter Fahrensleute“ (Hinstorff-Verlag) veröffentlicht. Das Archiv mit seinen originalen Notizen wurde an der Universität Rostock digitalisiert und kann über www.wossidia.de eingesehen werden.

Für die alten Fahrensleute hat Rasmus viele Facetten. Als Sturzsee kommt er an Bord („Nu kümmt Raßmus, seggen wi, wenn vääl Water oewerkümmt…“) und macht nass („Raßmus ward uns schön in de Ogen pruusten“). Er holt sich Dinge vom Schiff („Dat hett Raßmus wegspöölt (wegnahmen) seggen wi, wenn ‘ne Brügg weggahn is.“) und auch Menschen („Hüüt drückt Raßmus woll mennigen braven Semann de Ogen to.“). Er ist hungrig und die Seekranken geben ihm etwas zu fressen („… nu kümmt bald Rassmus langssiet mit de leddern Boot, dee will sinen Kunterbüüt von di halen un naamäten, wat du äten hest.“). Er ist verrückt („Raßmus hett sien Touren wedder.“) und spielt auf („Hüüt spält Raßmus grot up.“). Man kann mit ihm reden oder ihm etwas opfern („Smiet Raßmus eens ‘n ollen Bücks oewer Buurd.“).

Keine dieser Eigenschaften hat etwas mit der Heiligenlegende des christlichen Märtyrers Erasmus zu tun, der einst einen Sturm stillte und nicht die stürmische See selbst war. Er wird zwar unter dem Namen St. Elmo im Mittelmeer als Schutzpatron der Seeleute verehrt, aber auch das auf ihn bezogene Elmsfeuer wird von den Mecklenburgischen Seeleuten nicht mit Rasmus in Verbindung gebracht.
Allerdings wurde der Heilige Erasmus durchaus im Ostseeraum verehrt.

Vermutlich übernahmen die Seeleute nach der Christianisierung den Namen Rasmus, aber verbanden damit Vorstellungen von einem Wassermann aus anderen kulturellen Traditionen, wo er nix (deutsch), nøkk oder näcken (norwegisch und schwedisch) oder wodnik (polnisch) genannt wird. Dieser Wassergeist lockt die Menschen in die Tiefe, spielt ihnen böse Streiche, wird durch freundliche Ansprache und Kleidungsgeschenke wohlwollend gestimmt und bringt den Musikern das Fiedelspielen bei neben vielem anderen. Als nun durch die Reformation die Heiligenverehrung aufhörte, überlebte wohl der Name des Heiligen Erasmus in der volkstümlichen Tradition. In der religionswissenschaftlichen Forschung spricht man von Hybridisierung, weil sich im Reden von Rasmus viele verschiedene kulturelle und religiöse Einflüsse nachweisen lassen, aus der sich eine ganz eigene Vorstellung des Meeresgottes Rasmus in der südlichen Ostsee entwickelte.

Notizen zum Vortrag am 7. Mai 2015

 

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