„Wenn Diebe zu Helden werden – Mythos Claus Störtebeker“ Vortrag von Christian Peplow

Was wir heute von Störtebeker wissen, ist vor allem das Resultat von ausgeschmückter Geschichtsschreibung und Mythenbildung. Die zeitgenössischen Urkunden berichten nur wenig von Piraten oder Kaperfahrern zur Hansezeit. Insbesondere die Hinrichtung Störtebekers um 1400 wird unter Historikern kontrovers diskutiert: Christian Peplow vertritt hierbei die Position, dass es nicht Störtebeker war, der hingerichtet wurde, sondern ein anderer Anführer, genauso wie der wohl wichtigere Pirat Gödecke Michels. Denn in mehreren Dokumenten wird ein Danziger Händler namens Störtebeker erwähnt, der noch einige Jahre nach 1400 zur See fuhr und Handel betrieb. Dies erklärte der Greifswalder Historiker Christian Peplow in seinem Vortrag am 10. Februar 2016 bei der Greifswalder Schiffergilde anhand von historischen Quellen.

Hamburg mit vermutlicher Hinrichtungsstätte der Vitalienbrüder (1400) auf dem Grasbrook , Hamburg um 1568. Elbkarte von Melchior Lorichs, Staatsarchiv Hamburg (Signatur: 720-1_126-05 = 1568.1), Ausschnitt

Vermutliche Hinrichtungsstätte der Vitalienbrüder (1400) auf dem Grasbrook vor Hamburg,
Ausschnitt aus Melchior Lorichs Elbkarte (1568),
Staatsarchiv Hamburg (Signatur: 720-1_126-05 = 1568.1)


Vom Hansezeitlichen Piraten- und Kaperwesen ist wenig bekannt. Kaperaufträge (gegen Sold) wurden im Dänischen Erbfolgestreit nach 1375 ausgegeben und bis 1395 auch von Mecklenburgischen Adligen. Die in diesem Zusammenhang erwähnten Vitalienbrüder (Kaperungen auf eigene Rechnung) überfielen dabei das Hansekontor in Bergen und eroberten Gotland von 1393-95. Allerdings sind keine Kaperbriefe überliefert, wenn auch in zeitgenössischen Urkunden die Anführer wie Goedecke Michels, Störtebeker, Meister Wigbold und andere namentlich erwähnt sind. Für 1400 sind in einer Hamburger Kämmereirechnung die Kosten für die Hinrichtung und Beerdigung von 30 Vitalienbrüdern aufgeführt.

Später berichten Chronisten in ihren Geschichtsschreibungen für die Ereignisse um 1400 und 1401 vom Sieg der Hansestädte gegen die Piraterie mit der Hinrichtung der beiden wichtigsten Anführer Klaus Störtebeker und Goedecke Michels mit ihren Männern. Mit zunehmendem historischem Abstand wird das Wissen um die Vitalienbrüder und Kaperfahrer immer weiter ausgeschmückt, bis 1519 in der „Wandalia“ (Geschichte der Wenden) des Albert Krantz die Grundlagen für die Störtebeker-Volkssage gelegt wurden. Mit diesem Werk hatte der nun konstruierte Mythos sein Medium gefunden.

So besagt die Legende, dass von den 72 mit Störtebeker verurteilten Seeräubern diejenigen verschont würden, an denen er nach seiner Enthauptung noch vorbeilaufen könne. Allerdings stellte ihm der Scharfrichter nach dem elften Mann ein Bein und der Rat habe sich auch nicht an sein Versprechen gehalten. Jedoch findet man über Störtebeker und seine Männer keinen geschlossenen Sagenkomplex sondern viele Einzelsagen. Für 1550 ist das Störtebeker-Lied in Sammlungen in Regensburg und Koblenz nachweisbar, in dem auch erstmals die Trinkfestigkeit und das Prinzip des „Likedeelers“ (Gleichteiler i.S.v. die Beute wird unter den Seeräubern gerecht geteilt) besungen. Mit diesem Prinzip wurden die Vitalienbrüder und Klaus Störtebeker als ihr Anführer auch als frühe Kommunisten in Erzählungen zum Beispiel von Kurt Bartels (KuBa) dargestellt. Doch auch in der Bildenden Kunst ließ sich der schwer verkäufliche Holzschnitt des Junkers „Kunz von Rosen“ als authentische Darstellung von Klaus Störtebeker mit großem Gewinn vermarkten. Selbst heute ziehen die Störtebeker Festspiele in Ralswiek und die Piratenmythos viele Touristen auf den Hafenfesten der Nord- und Ostsee an.

Der Streit der Historiker geht nun um die tatsächliche Person Störtebeker. Denn ein Kapitän und Händler Johann Störtebeker wird vielfach in Urkunden zwischen 1405 und 1411 in Danzig und auch London erwähnt und auch als Vitalienbruder wird er in einem Vertrag mit Albrecht von Dänemark genannt. Dagegen erscheint lediglich einmal der Name Nikolao Stortebeker als Opfer eines Gewaltverbrechens im Wismarer Verfestungsbuch. Das lässt zweifeln, ob es Störtebeker war, der unter den 1400 in Hamburg hingerichteten Vitalienbrüdern war – zumal in den relativ zuverlässigen Hamburger Kanzleirechnungen von 1401 eine namentliche Erwähnung nicht stattfindet. Diese Zweifel werden noch dadurch verstärkt, dass in den zeitgenössischen Urkunden der Seeräuber Störtebeker niemals mit Vornamen erwähnt wird, sondern der Name „Klaus“ erst in den späteren Chroniken ergänzt wurde. So vertritt Christian Peplow zusammen mit dem Frankfurter Historiker Gregor Rohmann die Auffassung, dass Johann Störtebeker wohl der Namensgeber des Mythos Störtebeker war.

In der lebhaften Diskussion nach dem Vortrag kam allerdings auch der Gedanke auf, dass der Wirkungsgeschichte des Mythos Störtebeker ein eigener geschichtlicher Gehalt zukommt, der gleichberechtigt neben den zeitgeschichtlichen Tatsachen besteht und eine eigene Bedeutung erhält.

Vortrag von Christian Peplow, zusammengefasst von Anna-Konstanze Schröder
Es gilt das gesprochene Wort.

 

Weiterführende Literatur

Rohmann, Gregor: Der Kaperfahrer Johann Stortebeker aus Danzig. Beobachtungen zur Geschichte der „Vitalienbrüder“, Hansische Geschichtsblätter (HGbll) 125 (2007), S. 77-119.
Bracker, Jörgen (Hg.): „Gottes Freund – Aller Welt Feind“. Von Seeraub und Konvoifahrt. Störtebeker und die Folgen, Hamburg: Museum für Hamburgische Geschichte, 2001.
Pelc, Ortwin: Seeräuber auf Nord- und Ostsee (Kleine Schleswig-Holstein-Bücher, Bd. 56), Heide: Boyens Buchverlag, 2005.
Ehbrecht, Wilfried (Hg.): Störtebeker 600 Jahre nach seinem Tod (Hansische Studien, Bd. XV), Trier: Porta Alba Verlag, 2005.
Puhle, Matthias: Die Vitalienbrüder. Klaus Störtebeker und die Seeräuber der Hansezeit, Frankfurt: campus Verlag, 32012.

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